295 km/h auf dem Tacho. Bei dieser Geschwindigkeit auf einer Teststrecke würden die meisten Fahrer das Lenkrad mit weißen Knöcheln und rasendem Herzen umklammern. Doch ich halte den Fuß durchgedrückt – der Audi RS 4 Avant bleibt bei seiner Höchstgeschwindigkeit vollkommen gelassen und trägt mich weit weg von der Flut anonymer Crossover, die das Testgelände überschwemmt haben.
November, ein Testgelände und ein Sportwagen von Audi Sport – das Einzige, was fehlt, um die Tradition fortzuführen, die ich letztes Jahr begonnen habe, ist der silbergraue BMW M3 Touring, den ich im Frühling gefahren bin. Leider muss dieser Vergleich indirekt bleiben. Doch schon beim Wiegen geht der Audi in Führung.

Gewicht und Hardware-Vergleich: RS 4 Avant vs. M3 Touring
Der RS 4 bringt 1.856 kg auf die Waage, gegenüber 1.869 kg beim M3 Touring – obwohl er ausgestattet ist mit:
- Serienmäßigen Stahlbremsscheiben (20 kg schwerer als Keramik)
- Panorama-Schiebedach
- Bowers & Wilkins Audiosystem
- Torsen-Mittendifferenzial mit permanentem Allradantrieb (anstelle einer Lamellenkupplung)
Mit dem nahenden Winter ist dieses letzte Merkmal besonders wertvoll.

Innenraumqualität: Eine erfrischende Prise analoges Design
Komfort spielt ebenfalls eine Rolle. Trotz des digitalen Kombiinstruments und des über dem minimalistischen Armaturenbrett platzierten Bildschirms vermittelt der B9-Kombi noch immer ein befriedigendes Gefühl von zeitloser Authentizität. Während der RS 6 mit seinem High-Tech-Interieur und den überdimensionierten Lufteinlässen wie ein Kind des modernen automobilen Überflusses wirkt, ist der schlichtere RS 4 ein Rückblick in die Vergangenheit – diese Generation wurde bereits 2017 vorgestellt.
Der Türgriff zieht nicht nur nach außen, sondern auch nach oben, zum Herzen hin. Dieser Kombi bietet:
- Alcantara-bezogenes Lenkrad und Gangwahlhebel
- Multikontursitze (anstelle der halbschalenförmigen Sportsitze, die oft mit diesen Bedienelementen kombiniert werden)
- Verstellbare Kissen- und Lehnenbreite
- Ausgezeichnetes Profil mit angemessen großen Seitenwangen, die den Einstieg nicht behindern

Die Freude an physischen Bedienelementen
Hochwertige Materialien und echte Knöpfe – jedes Mal, wenn ich von meinen eigenen Autos auf moderne Fahrzeuge umsteige, vermisse ich die Drehregler für die Klimaanlage, die man vollständig nach Gefühl bedienen kann. Einfach greifen, anfassen und einen Klick drehen für ein halbes Grad. Der RS 4 hat genau das. Es gibt einen richtigen Lautstärkeregler und einen Tempomat-Hebel, dem man im Stop-and-go-Verkehr vollständig vertrauen kann.
Alltagskomfort: Audi RS vs. BMW M Philosophie
Das ist wichtig, denn wie seine größeren Geschwister ist die Audi RS-Baureihe im Alltag weitaus verträglicher als die BMW M-Reihe. Der größere RS 6 auf Luftfederung bewegt sich wie ein normales Auto.
Dieser Kombi verfügt jedoch über passive Dämpfer, die folgendes bieten:
- Straffe, aber geschmeidige Federung ohne die brutale Härte des BMW M3
- Ausgezeichnete Energieabsorption – scharfe Fahrbahnkanten lösen sich in den Dämpferkörpern auf
- Komfortables Überfahren von Bodenschwellen auch auf 20-Zoll-Rädern
Der einzige Nachteil: Bei hohen Geschwindigkeiten folgt das Fahrwerk jeder Straßenwelle. Wer es mit langen und mittleren Frequenzwellen zu tun bekommt, sollte sich auf ein Achterbahnerlebnis gefasst machen.
Die Erfahrung zeigt, dass Dynamic Ride Control-Dämpfer nach 40.000–60.000 km zu Problemen neigen – Klopfgeräusche und Undichtigkeiten. Ein beliebter Ersatz sind passive KW Variant 3-Gewindefahrwerke mit mechanischer Einstellung und Höhenverstellungsmöglichkeiten.

Competition Plus-Paket: Rennstrecken-Performance
Apropos Gewindefahrwerke – sie sind im Competition Plus-Paket enthalten, zusammen mit:
- Auf 290 km/h angehobener Geschwindigkeitsbegrenzer
- Modifiziertes Abgassystem
- Überarbeitete Programmierung des aktiven Hinterachsdifferenzials
- Fortschrittlichere KW Variant 4-Dämpfer (vermutlich)
- Detaillierte Setup-Anleitungen im Fahrerhandbuch
Die Competition Plus-Variante umrundete die Nürburgring-Nordschleife in 7 Minuten 39 Sekunden, während der Basis-B9-RS-4 7:58 Minuten benötigte – nicht schneller als der frühere B7-Sedan mit seinem Saugmotor mit 4,2-Liter-V8.

Fahrleistungen auf der Strecke: RS 4 vs. M3 Touring
Ich schätze das Tempo und die Ausdauer der G80/G81-Baureihe auf der Rennstrecke, auch wenn mir ihre Kommunikation mit dem Fahrer nicht sonderlich liegt. Sie sind hocheffektive und schnelle Maschinen, selbst in weniger geübten Händen.
Der Kompromiss? Im normalen Alltag sind sie launisch. Ein Kaltstart im BMW M3 – selbst mit der Serienabgasanlage – wird sich bei mehreren Nachbargebäuden bemerkbar machen. Der RS 4 hingegen verrät nicht, dass er einen Porsche-abgeleiteten Motor unter der Haube versteckt.

Motorerbe: Vom RS 2 zum modernen RS 4
Hier zeigt sich eine schöne historische Spirale: Die Genealogie aller RS-Modelle geht auf den RS 2 Kombi zurück, der in Zusammenarbeit mit Porsche entwickelt wurde. Dieses Fahrzeug hatte:
- Fünf Zylinder
- Einen Turbolader
- 2,2 Liter Hubraum
- 315 Pferdestärken
Der heutige RS 4 bietet:
- Sechs Zylinder
- 2,9 Liter Hubraum
- 450 Pferdestärken
Das sind immer noch 60 PS weniger als der S58-Motor des BMW M3, was bedeutet, dass der Audi bei Geradeaus-Beschleunigungsduellen keine Chance hat – es sei denn, er wird mit erhöhtem Ladedruck abgestimmt, wobei das Potenzial des BMW höher bleibt.
Beschleunigungstests: Allwetter-Vorteil
Wo der RS 4 glänzt, ist seine Konstanz. Er erreicht seine veröffentlichten Werte sogar auf nassem Asphalt.
0–100 km/h-Leistung:
- RS 4: 4,1 Sekunden (vollkommen dramatisch, dank permanentem Allradantrieb)
- M3: Erster Sprint, gefolgt von ein paar Schlingerbewegungen am Heck
Auf trockenem Asphalt dürfte der RS 4 problemlos unter vier Sekunden tauchen.
100–200 km/h:
- M3 Touring: genau 9,0 Sekunden
- RS 4 Avant: 10,6 Sekunden
Dragrace-Enthusiasten würden das als erheblich bezeichnen, mich stört es nicht. Subjektiv fühlt sich die Beschleunigung bis 250 km/h stark an – wo der M3 seinen Begrenzer erreicht, zieht der RS 4 weiter durch und beweist die Schildkröten-und-Hase-Analogie.

Höchstgeschwindigkeit und Autobahnverhalten
Die schmeichelhafte Anzeige von 295 km/h entspricht tatsächlich 279 km/h. Doch kein Stress – ich überhöle mühelos einen Aurus, was in einem Ferrari Purosangue undenkbar wäre. Der Audi ist ein wahrer Western Express, der seinen 58-Liter-Tank bei Höchstgeschwindigkeit leerzusaugen vermag.
Im Alltag wird das Defizit bei der reinen Leistung durch ein zivilisiertes Gasansprechverhalten mehr als ausgeglichen. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich mit der Gaspedalkennlinie des M3 kämpfte – gefangen zwischen trägen Grundeinstellungen und zu aggressivem Sport-Modus. Der Audi liefert sofort die erwartete, vorhersehbare Beschleunigungsintensität.
Das gleiche ZF 8-Gang-Automatikgetriebe, das im BMW zum Einsatz kommt, beweist, dass es verfeinert und kultiviert agieren kann. Der Unterschied liegt möglicherweise in den Drehmomentkurven:
- Audi: Volles Drehmoment von 600 Nm ab 1.900 U/min verfügbar
- BMW: Spitzendrehmoment von 650 Nm erst bei 2.750 U/min
Das erklärt, warum der M3 unter 3.000 U/min träge wirkt, besonders im Vergleich zu dem danach folgenden Schub. Der RS 4 beschleunigt linearer.

Bremsleistung: Stahl vs. Keramik
Das Bremsverhalten ist ähnlich linear. Stahlscheiben besitzen nicht die thermische Kapazität für wiederholte Hochgeschwindigkeitsverzögerungen – nach zwei aufeinanderfolgenden Maximalverzögerungen ächzten sie protestierend, behielten aber eine ausreichende Bremsleistung bei.
Warum ich im Alltag Stahlbremsen wählen würde:
- Kein Anpassen an den aggressiven Ansprechpunkt von Keramikscheiben nötig
- Keine Empfindlichkeit gegenüber winterlichen Straßenchemikalien
- Insgesamt besseres Pedalgefühl
Das Bremspedalfeedback ist beim Audi in jedem Fall besser – man kann sanft zum Stillstand kommen, ohne das Einnicken der Nase, das der M3 einem aufzwingt.
Unterschiedliche Philosophien für unterschiedliche Fahrer
Diese Autos sind für unterschiedliche Geschwindigkeitsbereiche abgestimmt:
- BMW M3: Glänzt bei Überschallgeschwindigkeiten – über 200 km/h oder bei Rennstreckeneinsätzen
- RS 4 Avant: Ihr zuverlässiger Alltagsbegleiter, der bei Bedarf dennoch schnell sein kann

Fahrverhalten: Autocross-Test
Ich habe ihn nicht auf einer richtigen Rennstrecke gefahren, aber ich habe die Autocross-Konfiguration nachgestellt, die ich für den M3 und den letztjährigen M5 vs. RS 6-Vergleich verwendet habe.
Dem kleineren RS 4 fehlt eine Hinterradlenkung, aber er braucht sie auch nicht. Die Lenkung ist:
- Bis 150 km/h direkt und angemessen leichtgängig
- Vorbildlich präzise
- In schnellen Kurven etwas schwergängig
Ich platziere das Auto sofort genau dort, wo ich es haben möchte. Während der M3 unter Last zum Übersteuern neigt, hält der Audi die gewählte Linie bis zum letzten Newton Reifenhaftung.
Wer Fahrspaß am Driften misst: BMW gewinnt eindeutig.
Wer Präzision und Vorhersehbarkeit schätzt: Audi ist die richtige Wahl.
Das Gleichgewicht zeigt sich deutlich im Slalom:
- Leichtes Untersteuern beim Einlenken
- Starke, dramatische Beschleunigung beim Herausfahren
- Schnell, präzise, effektiv
Das Rätsel des aktiven Differenzials
Und doch… Warum dreht sich der RS 4 trotz eines aktiven Hinterachsdifferenzials, das ein Rad gegenüber dem anderen drehen kann (wie die Active Yaw Control bei Mitsubishi Evolutions), so widerwillig unter Last in Kurven ein? Tatsächlich schiebt er nach außen.
Der Lancer Evo im Tarmac-Modus würde mit gerader Lenkung fröhlich durch eine Asphaltkurve driften. Der Audi? Er will nach außen weglaufen. Für Donuts braucht man fast ein Fußballfeld. Drei Sport-Differenzialmodi in den Fahrwerkseinstellungen sollten spürbare Unterschiede machen – und nicht nur im Schnee!
Anfangs schob ich das ähnliche Verhalten des RS 6 auf seine beträchtliche Masse, aber der RS 4 beweist, dass dies eine bewusste Entscheidung bei der Antriebsstrangkalibrierung ist. Der Audi wird im Winter zweifellos vorhersehbarer und schneller als der M3 sein, aber auf trockenem Asphalt würde man von einem so ausgefeilten Setup mehr Abwechslung erwarten.

Ein herzlicher Abschied von analoger Exzellenz
Ja, der RS 4 ist stets tadellos gesittet und zu Rowdytum nicht geneigt. Das sorgt auf kurvenreichen Landstraßen für enorme Stabilität und Vertrauen, aber der Evo hat die Stabilität nie kompromittiert. Wenn man weiß, was permanenter Allradantrieb mit aktivem Hinterachsdifferenzial leisten kann, wirkt der eindimensionale Charakter des Audi wie eine bewusste Einschränkung.
Doch wo sind diese Evos jetzt? Der letzte Evolution der zehnten Generation lief 2015 vom Band, und die Automobilindustrie hat seitdem nichts Vergleichbares mehr angeboten. Ich gehe fest davon aus, dass wir in einem weiteren Jahrzehnt dasselbe über diesen B9-RS-4 schreiben werden – eingestellt ohne Rückkehrpläne.
Anstelle des Audi A4 haben wir nun die A5-Familie. Eines der beliebtesten Modelle mit 30 Jahren Geschichte – auf dem Schrottplatz entsorgt. Andererseits werden wir es als angenehm analog in Erinnerung behalten.
Betrachten Sie das Interieur des neuen Audi S5:
- Riesige Rahmen um die Bildschirme (die nicht einmal chinesische Massenmarkt-Crossover mehr verwenden)
- Unbeholfenes Touch-Panel an der Tür
- Seltsame tastenbasierte Getriebesteuerung
- Obligatorische Hybridisierung
Und damit… verlieren wir es.
Warum Sie den RS 4 Avant jetzt in Betracht ziehen sollten
Achten Sie auf den RS 4. Zumal die Gebrauchtmarktpreise fast halb so hoch sind wie die eines aktuellen M3. Ein drei Jahre alter RS 4 Avant ist für rund 104.000 Dollar zu haben, gegenüber 169.000 Dollar für den BMW.
Nutzen Sie vielleicht Ihre letzte Chance, auf diesen Western Express aufzuspringen, bevor er verschwindet.

Praktische Details
Kofferraumvolumen
Der schön verarbeitete Laderaum verfügt über ein motorisiertes Rollo. Ein Reserverad ist nicht vorhanden.
Sicht
Die Spiegel haben kompakte Elemente mit attraktiven matten Aluminiumkappen. Wie der Rest des Fahrzeugs stammt auch die Rückfahrkamera aus dem Jahr 2017 – und das merkt man.
Haben Sie den RS 4 Avant oder M3 Touring gefahren? Teilen Sie Ihre Erfahrungen in den Kommentaren unten.
Foto: Vladimir Melnikov
Dies ist eine Übersetzung. Den Originalartikel können Sie hier lesen: Audi RS 4 Avant на полигоне (и заочное сравнение с BMW M3 Touring)
Veröffentlicht Januar 29, 2026 • 11 m zum Lesen